Stell dir vor ich bin ein wildes Reh. Du kommst in den Wald, in dem ich lebe, trittst in meine unberührte Welt, in die Reinheit, die Unschuld der Natur. Du siehst mich auf einer Lichtung grasen, an einem Ort der Schönheit, Offenheit, an dem man sich allen Gefahren aussetzt. Doch als du die Lichtung betrittst, hebe ich den Kopf und die wilde Scheu lässt mich davonsteben. Du bist angetan von der Anmut des Tieres, seiner unbeeinflussten Umgebung, und möchtest es berühren, es haben. Du verfolgst mich, jagst mich, und kommst jeden Tag, mich wieder zu sehen. Und mit jedem Tag kommst du etwas näher an mich heran und meine Scheu schwindet langsam. Immer wieder kommst du ein Stück näher, und irgendwann bist du so nah, dass du mich streicheln kannst, während ich grase; denn ich habe mich an dich gewöhnt. Irgendwann beginnst du mich zu füttern und mich damit zu locken, zu führen, auf den Feldweg, in Richtung des Dorfes. Du hast mein Vertrauen gewonnen und ich bin schließlich abhängig geworden von dir, laufe dir nach, wenn du dich mir wieder genähert hast, um mich füttern zu lassen. Du weißt aber, dass du mich nicht mit ins Dorf nehmen kannst, nicht in die Fesseln der Gesellschaft geben darfst, in die Fesseln der Konvention, nicht mir die Freiheit nehmen darfst. Ich muss im Wald bleiben, denn hier gehöre ich hin. Doch ich folge dir jetzt auf Schritt und Tritt, soweit hast du mich schon gezähmt. Und du kannst nicht weitergehen, ohne dass ich dich begleite. So versuchst du mir zu verstehen zu geben, hier zu bleiben, in meinem Wald. Doch ich will nicht verstehen. Schließlich versuchst du es mit Wegscheuchen, mich zu erschrecken, mich in den Wald zurückzujagen. Ich mache daraufhin ein paar erschrockene Sätze ins Gebüsch und kehre immer wieder zu dir zurück. Du kannst nicht wegrennen, sonst würde ich dir auf leichtem Fuße folgen. Du kannst mich nicht an einen Baum binden, um dich abzugrenzen von mir, mich von dir zu reißen, alles rückgängig zu machen, denn sonst würde ich verhungern oder mich an dem Strick womöglich erwürgen. Du kannst mich aber mit Steinen bewerfen und musst zusehen, wie mit jedem Stein, der mich trifft, ein Stück Vertrauen in dich getötet wird, und damit auch ein Stück Vertrauen in die Welt. Bis ich schließlich leidend aber noch lebend mit einer Haltung von innerer Gebrochenheit auf dem Weg zurückbleibe und dir regungslos nachsehe, in deine mitleidigen Augen sehe, die auf dem Waldweg erlöschen. In den nächsten Tagen kam das Reh immer wieder an den Ort zurück, wo es gefüttert wurde, wo es Nahrung und Zuwendung empfing, und wartete vergebens auf einen vermeindlichen Freund. Es hatte verlernt das Gras zu suchen und die Blätter zu fressen. Nie wieder wir das Reh so scheu und wild sein wie einst ...
21.02.2002
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